Über die innere Mitte: Am Küchentisch mit Alexander Huber

Als ich mit Alexander Huber über das Thema der Qualität Europas ins Gespräch kam, schien ich einen Nerv getroffen zu haben. Sofort erzählte er mir, dass er von Beruf her ja nicht Kletterer, sondern mit seinen Vorträgen Kulturschaffender und darüber hinaus noch Bergbauer sei. Und als solcher könne er mir klar sagen, dass die europäische Landwirtschaft, insbesondere die der Höfe, täglich mit viel Engagement und Leidenschaft arbeite: Sowohl diese Tatsache an sich als auch die Produkte, die sie herstellten, stellten ganz klar eine eigene Qualität dar. Was dann aber eben auch ganz natürlich seinen Preis hätte. Lammfleisch, zum Beispiel, zu den niedrigen Supermarktpreisen sei im Sinne einer ganzheitlichen Qualität (also auch inklusive dem Tierwohl) schlicht nicht möglich.
Ich mochte seine Leidenschaft, mit der er von diesem Thema sprach, so sehr, dass ich ihn kurzerhand fragte, ob er mir gegebenenfalls einmal für ein Interview zur Verfügung stehen würde. "Klar" erwiderte er. "Ruf mich an, und wir machen einen Termin aus, an dem Du zu mir auf den Hof kommst!"
Ein paar Monate später: Es ist Ende November, und ich schraube mich von Berchtesgaden über kleine Serpentinen in die Höhe des Berchtesgadener Landes. Es liegt die typische November-Vor-Winter-Kälte in der Luft, und die Berge ringsherum sind vom ersten Schnee etwas angezuckert. Am Hof angekommen, steht Alexander schon auf dem Balkon und grüßt mich fröhlich: "Komm rein, am Haus einfach links vorbei!"
"Magst ein Kaffee?" fragt er mich. Den nehme ich gern, macht er ihn doch mit einer Sorgfalt in einer Cafetiere (diesen mediterranen Pressstempelkannen), wie ich es liebe – und nach dem Geht-so-Filterkaffee im Hotel auch brauche. Wir sprechen ein wenig über meine bisherige Reise bis wir nach ein paar Analysen der aktuellen politischen Situation auf unser ursprüngliches Thema, die Qualität der Landwirtschaft kommen.
Erzähl mal, was findest Du wichtig, wenn wir über die Qualität Europas sprechen?
Nun, ich hatte Dir ja schon von meinem Bergbauern-Dasein berichtet. Und wie Du ja siehst, haben wir hier keine Landwirtschaftsindustrie, sondern einen ganz kleinen Betrieb mit ein paar Schafen. Die sind jetzt hier bei uns auf dem Hof. Aber nach dem Frühjahr und dann mit der ersten Heumahd kommt die Herde auf die Alm. Klar ist das mehr Arbeit als sie ganzjährig im Stall zu halten. Was aber sehr gern hierbei vergessen wird: Die Schafe und Ziegen grasen an Stellen der Almen, wo die Kühe nicht hinkommen. Aber auch auf diesen Stellen muss eben durch Tiere gegrast werden, um die Almen zu pflegen. Insofern leisten wir mit unseren Tieren einen Beitrag zur Almwirtschaft. Ja, das ist mühselig, aufwändig und damit auch teurer, aber so wird eben auch die Natur gepflegt. Dass dies möglich ist, ist auf jeden Fall ein Qualitätsmerkmal unseres Landes – und so: Europas. Und nicht zu vergessen: Die Vielfalt der Kräuter auf den Almen sorgt für eine bessere Tiergesundheit – und besser schmeckende und gesündere Produkte wie zum Beispiel der Milch und des Käses. All dies wird in der öffentlichen Debatte gern übersehen, wenn man über Landwirtschaft spricht – ist aber ein großer Qualitätsvorteil. Dazu kommt noch, dass sich durch den Weidewechsel der Wurmdruck auf die Schafe auch ohne Entwurmung erfolgreich kontrollieren lässt. Gut für die Schafe, gut für die Böden, gut für unser Wasser, gut für die Almen, gut für uns.
Dann lass mich doch einmal ein Stichwort aufnehmen, dass Du gerade auch eingebracht hast: Vielfalt. Europa wird häufig auch mit nationaler und regionaler Vielfalt assoziiert, und dies nicht immer als Vorteil. Wie ist das denn bei Deiner zweiten Profession bzw. Leidenschaft, dem Klettern bzw. Bergsteigen: Ist da Vielfalt ein Thema, und wenn ja, in welcher Form?
Im Sommer werde ich mich auf den Weg zum Jirishanca in der Cordillera Huayhuash in Peru machen. Ein großer, steiler Felsberg. Zusammen mit dem Schweizer Alpinisten Dani Arnhold und dem Südtiroler Simon Gietl sind wir ein breit aufgestelltes Team, jeder mit seinen eigenen Qualitäten. Und natürlich ist es positiv, dass jeder von uns seine eigenen Stärken hat. Ich brauch jetzt nicht unbedingt noch einmal einen Felskletterer von meiner Qualität, aber Alpinisten und Eiskletterer von hoher Qualität sind da eine positive Ergänzung im Portfolio. Und wenn ich mir dann die beiden anschaue, dann haben die genau das Portfolio. Wir alle haben von allem etwas, aber jeder hat seine gewissen Stärken – und da muss ich sagen: Genau das brauchen wir! Der Dani Arnhold, physisch wahnsinnig fit, sicher der beste Eiskletterer, der Simon Gietl, ein junger, erfahrener Alpinist, der schon im Himalaya erfolgreich war – und wenn Du uns dann zusammennimmst, dann sind wir drei Eckpfeiler. Jeder von uns ist seiner Ausprägung spitze. Und wenn wir dann zusammenlegen mit den verschiedenen Charakteren, dann sind wir eben das ideale Team. Ein Team, bei dem sich Stärken kombinieren und Schwächen ausgeglichen werden. Und klar, ich hab Schwächen: konditionell, ich bin einfach nicht mehr so stark. Und weil ich mein Portfolio nicht mehr drauf auslege, bin ich sicher nicht mehr der versierteste Eiskletterer – aber warum muss ich das sein, wenn ich den Dani Arnhold und den Simon Gietl mit am Start hab? Die gehen vor im Eis, da sind die spitze! Da reihe ich mich gern hinten ein. Und wenn´s dann um anspruchsvollen Felsen geht, dann bin da mal voraus. Und so gibt jeder seines mit.
Jetzt mögen manche sagen: Wenn verschiedene Perspektiven aufeinandertreffen, dann kann es ja auch zu Unvereinbarkeiten kommen – bzw. andere Sichtweisen. Wie stimmt Ihr Euch da ab? Wie kommt es dann zu einer Einheitlichkeit?
An einem Strang zu ziehen und erfolgreich zusammenzuarbeiten, setzt immer voraus, dass man sich gegenseitig respektiert. Deswegen ist es in einem Team auch so wichtig, dass man sich bei aller Unterschiedlichkeit auf Augenhöhe begegnet, denn wenn ich klar ausdrücke, dass Du schwächer bist als ich, und ich lasse dich das spüren, dann wird das nicht sehr motivierend für eine erfolgreiche Zusammenarbeit sein. Und wenn Du jetzt die Länder Europas nimmst, dann ist es doch gut, dass wir ganz verschiedene Volkswirtschaften haben. Jetzt sind wir als Deutschland gerade mal wieder der kranke Mann Europas, aber irgendwann auch mal wieder die Lokomotive. Und aktuell ist es ganz gut, denn scheinbar läuft es im Rest von Europa besser als bei uns, und natürlich wäre es gut, wenn wir da mitgezogen werden – und dann ist es irgendwann mal wieder andersherum. Das ist doch gerade gut, dass wir ein gewisses Konglomerat sind: Mal läufts da besser und mal da. Das Gute ist doch, dass wir zusammen eine große Vielfalt und ein unglaubliches Wissen haben – und deswegen bin ich einfach zutiefst überzeugt, dass wir nicht untergehen.
Schönes Stichwort: Das ist ja möglicherweise auch eine Erfahrung, die Du schon beim Bergsteigen und beim Klettern gemacht hast. Kannst Du das einmal etwas näher erläutern, wie Du gelernt hast, Dich von dem zu erholen, was nicht so gelaufen ist, wie Du wolltest? Hast Du dafür viel Zeit gebraucht, also auch im Leben, das nicht an Dich herankommen zu lassen? Warst Du schon immer jemand, der so etwas als Chance gesehen hat?
Ich hab ja ein Buch herausgegeben „Die Angst, dein bester Freund“– und da lege ich ja sehr klar auch eine Krise dar. Wirkliche Krisen sind immer da, wenn man nicht mehr in seiner inneren Mitte ruht. Und die Erkenntnis ist deswegen ganz simpel: Man muss immer aufpassen, dass man nicht zu sehr wegkommt von dieser eigenen inneren Ruhe bzw. Mitte. Wenn man merkt, dass man diese Ruhe verliert, dann muss man sehen, dass man sich so schnell wie möglich wieder zurückarbeitet und das nicht ignoriert. Gerne kann ein zwischenzeitlicher Erfolg eine Krise vorübergehend kaschieren. Wenn man aber da nicht in seiner inneren Mitte ruht, dann kommt sehr schnell die nächste Krise –und holt einen ein. Deswegen musst Du einfach immer schauen, dass alles um Dich herum grundsätzlich in Ordnung ist und Du eben diese innere Mitte nicht verlierst.
Und das kann man jetzt eins-zu-eins auf die Gesellschaft übertragen. Und ich hab schon den Eindruck, dass unsere deutsche Gesellschaft gerade in Aufruhr ist, und zwar schon länger. Und ja, ich finde, dass kann man so interpretieren, dass die Gesellschaft nicht in ihrer inneren Mitte ist. Es herrscht ein gewisser Frust, jedenfalls in Teilen der Gesellschaft. Und diesen Frust muss man erst nehmen und sich mit ihm auseinandersetzen. Das ist wie am Berg: Wenn ich nicht in mir ruhe, dann hab ich überhaupt keine Chance, mich mit dem Berg auseinanderzusetzen. Das ist mir tatsächlich auch einmal so passiert, und dann bin ich auch abgereist, weil ich gemerkt habe: Ich habe überhaupt keine Chance.
"Gute Performance am Berg ist nur möglich, wenn Du die innere Mitte spürst."
„Innere Mitte“ – meinst Du damit das Mentale oder das Körperliche? Oder ist das gar nicht trennbar?
Es geht schon erst einmal ums Mentale. Aber natürlich braucht es dafür auch eine körperliche Gesundheit. Erst wenn Du körperlich gesund bist, kannst Du auch mental stark sein. Aber jede Form des Nicht-in-der-Mitte-seins eröffnet eine Lücke, die zur Schwäche werden kann – und Dich umhauen kann. Und das ist mir auch schon passiert. Und da hab ich die kluge Entscheidung getroffen, mir einen Therapeuten zu suchen, der mir durch Beratung hilft, wieder auf die Spur zu kommen. Man kann es auch Mentaltrainer nennen, oder auch Coach – oder eben auch Therapeut oder Psychologe. Sportler heutzutage sind unter Druck, der Leistungsdruck ist massiv! Du trittst da vor einem Millionenpublikum auf und musst liefern. Wobei man schon einiges an Stress aushalten kann. Wenn du aber für geraume Zeit das Gefühl haben solltest, dass es nicht rund läuft, dann ist es gut, dass du dir dann lieber früher als später jemanden suchst, der sich damit auskennt. Denn wenn die Hütte einmal brennt, dann wird’s schwierig, das kurzfristig wieder einzufangen.
Kannst Du die Erkenntnisse oder Aspekte oder Werkzeuge benennen, mit denen Du Deine Mitte wiedergefunden hast?
Dadurch, dass ich alles angegangen bin, was mich gestresst hat. Das ist natürlich bei jedem etwas anderes, aber da hilft dann eben der Therapeut. Und ja, ich hab mich da in gewisser Hinsicht auch selbst belogen. Den wahren Grund hab ich nicht so richtig sehen wollen. Machen wir uns nichts vor: Der Druck im Leistungssport steigt immer weiter, und im Bergsteigen und Klettern kann dies potentiell tödlich sein, da musst Du einfach bei Dir sein. Druck kann da schnell zu einer nicht tragbaren Last führen. Ich weiß, wovon ich rede, ich bin auch schon vom Berg davongelaufen, weil der Druck zu groß war.
Würdest Du jetzt sagen, dass Du stärker daraus hervorgegangen bist?
Ja, definitiv! Und trotzdem gab es auch danach noch Krisen – und ich würde auch wieder einen Therapeuten aufsuchen, wenn´s notwendig wäre. Aber ich bin kompetenter, sensibler und auch ehrlicher zu mir selbst geworden. Problemherde werden von mir zuverlässiger erkannt und bearbeitet. Darüber hinaus habe ich es mir seitdem nicht mehr so zu Herzen genommen habe, wenn mich andere triggern.
Was dann auch ein Aspekt der inneren Mitte ist?
Wenn es eine Verletzung gibt, dann gibt es etwas, was die Verletzung verursacht. Aber man trägt auch selbst dazu bei, dass man sich verletzen lässt. Deswegen ist es so wichtig, dass du es nicht zu tief an dich heranlässt, dich distanzierst, damit es dich dann nicht so schwer trifft oder gar nicht mehr wirklich tangiert. Ich sage seitdem immer: „Ich soll nicht unter dem Mist anderer leiden!“. Wer sich aber ärgert, büßt die Sünde des anderen! Natürlich kann und darf man sich ärgern, aber man darf es nicht in sich hineinfressen.
Alexander will nun heraus zu seinen Schafen. Wir werfen uns die Jacken über und gehen über den Hof zu den Tieren.
Nun weiß ich nicht viel vom Klettern, hab aber doch gelernt, dass es beim Klettern auch um eine innere Mitte geht, nämlich die rein physikalische, dies des körperlichen Gleichgewichts. Kann man das eine aus dem anderen ableiten?
Exakt, genau! Das kannst Du genau so sagen! Wenn Du beim Klettern kein exzellentes Gleichgewicht hast, wirst Du nie ein guter Kletterer sein. Gute Performance ist nur möglich, wenn Du diese Mitte spürst, und zwar beide: die physische und die psychische! Und ich sag Dir eins: Der Berg ist schon groß genug.
Das gilt jetzt nicht unbedingt für den Everest und manch anderen Achttausender. Da überweist man 100.000 Dollar und mehr, und dann ziehen die Sherpas jeden rauf, ob der dann noch mag oder nicht. Die ziehen, die schieben, egal. Aber wenn ich mich selbst mit einem großen Berg auseinandersetze, dann schaut das von unten betrachtet übermächtig aus. Und es ist übermächtig! Das kann Dich erschlagen. Wenn Du da seelisch nicht Deine innere Mitte hast, dann schaffst Du es einfach nicht! Genau im Übrigen wie das gesamte Team! Es funktioniert nur, wenn die Leute zusammenspielen. Teilweise ist es sogar so, dass schon einer ausreicht, der nicht mitspielt – dann kann es schon sein, dass das ganze Team nicht mehr funktioniert. Auch hier wieder: sowohl physisch wie psychisch. Und das gilt auch wieder beim Dani Arnhold und dem Simon Gietl und mir: Wir können das nur gemeinsam schaffen. Wenn wir das nicht haben, funktioniert garantiert irgendetwas am Berg nicht – und es eskaliert. Und es ist ja immer so, wenn Leute zusammenkommen, ist es immer eine Arena der Eitelkeiten.
Für mich liegt es gerade sehr nahe, den Aspekt der inneren Mitte auf Europa zu übertragen – nicht nur geografisch, sondern vor allem mental. Hast Du mit Deiner großen Erfahrung diesbezüglich Tipps? Was würdest Du Europa mitgeben, wie man zusammenfindet?
Ganz klar: In dem man sich auf Augenhöhe begegnet und sich gegenseitig respektiert. Und viel kommunizieren! Ich bin schon der Ansicht, dass die verschiedenen Unzufriedenheiten in Europa auch dadurch gefördert wurden, dass nicht ausreichend bzw. nicht gut genug kommuniziert wurde. Also ein Ausrufezeichen für eine gute Kommunikation auf Augenhöhe! Und auch wenn die verschiedenen europäischen Nationen unterschiedliche Größen haben, ist jede Nation ernst zu nehmen. Mal in der Klettersprache: Wir als Deutschland waren gegenüber den Kleinen, zum Beispiel Griechenland oder Portugal, nicht immer ein angenehmer Seilpartner. Und ja, ich bin überzeugt, dass das, was uns am Berg das Überleben sichert, auch für Europa gilt: eine gute Seilschaft, die miteinander und füreinander da ist. Das ist die einzige Möglichkeit, gemeinsam die größten Gipfel zu besteigen und gesund zurückzukehren!
Was wir für Europa mitnehmen
Bei einem so inspirierenden Gesprächspartner ist es unmöglich, eine kurze Zusammenfassung zu formulieren. Sich auf Augenhöhe zu begegnen, viel und gut miteinander zu kommunizieren, die eigenen Eitelkeiten im Zaum zu halten – all das sind Aspekte, die das Überleben am Berg sichern – und so ganz sicher auch für Europa von höchster Bedeutung sind. Ein Aspekt sticht jedoch für mich heraus, nämlich der der inneren Mitte. Europa, Du brauchst eine innere Mitte!
Wie das gehen könnte? Dies versucht die unten verlinkte Kolumne zu skizzieren.